Letzte Aktualisierung: 04.09.2017

Geschwisterkinder

Wenn kaum noch Kraft für die Geschwister bleibt

Der Tod eines Kindes ist ein Ereignis, das die ganze Familie betrifft: Eltern ebenso wie die Geschwister. Alle trauern und alle tun dies auf sehr unterschiedliche Weise. Diese Unterschiede können trennen – auch Kinder und Eltern. Zusätzlich trennend wirkt oftmals, daß die Eltern von der Wucht der Trauer derart getroffen werden, daß ihnen einfach keine emotionale und körperliche Kraft mehr für die noch lebenden Kinder bleibt. Natürlich leiden die Eltern darunter, fühlen sich aber vielfach unfähig, etwas daran zu ändern. Eine Hilfe in dieser Zeit mögen die acht Empfehlungen darstellen, die die nordamerikanische Selbsthilfeorganisation trauernden Eltern für die ersten Wochen und Monate nach dem Tod eines Kindes an die Hand gegeben hat. Wir geben sie im folgenden in modifizierter Form wieder:

  • Erlaube den Geschwistern, an den Planungen für die Beerdigung im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitzuwirken und an dem Begräbnis teilzunehmen. Laß sie entscheiden, ob sie ihre Schwester oder ihren Bruder noch einmal aufgebahrt sehen wollen. Erlaube ihnen noch etwas persönliches von sich selbst mitzugeben: z.B. eines der Musikstücke auszusuchen, die gespielt werden sollen, einen Abschiedsgruß zu schreiben oder vorzulesen oder auch ein Abschiedsgeschenk in den Sarg zu legen. Laß sie entscheiden, ob sie mit Dir oder alleine zu Grabbesuchen gehen wollen. Akzeptiere auch, wenn sie den Friedhof insgesamt meiden.
  • Informiere die Geschwister über alle konkreten Vorgänge, Vorhaben oder Planungen sofort. Wenn man die Kinder aus diesen Dingen heraushält (vielleicht um sie zu schonen), verstärkt dies nur ihr Gefühl, in der Familie eigentlich nicht (mehr) wichtig zu sein.
  • Wenn Du andere Kinder siehst, die Dich an Dein verstorbenes Kind erinnern, zeige sie den Geschwistern und erkläre ihnen, welch ein schmerzlicher Anblick das für Dich ist. Diese Reaktionsweise ist den Geschwistern sonst unverständlich. Geheimnisvoll-unverständliches Verhalten aber verstärkt die Furcht der Geschwister davor, nicht genügend Beachtung zu finden.
  • Bitte die Geschwister gelegentlich darum, bei Dir zu bleiben, während Du trauerst. Wenn Du ständig nur im Verborgenen trauerst, vergrößert sich die emotionale Distanz zwischen Dir und Deinen Kindern.
  • Sprich mit den Geschwistern sowohl über die angenehmen wie über die unangenehmen Erinnerungen an das verstorbene Kind. Dies verhindert, daß das verstorbene Kind „in den Himmel gehoben“ wird.
  • Denke daran, daß Du die Vergangenheit nicht ändern kannst. Aber Du kannst Dich der Gegenwart stellen und die Zukunft positiv beeinflussen. Deine  Familie wird sich zwar für alle Zeiten tiefgreifend verändert haben – sie muß aber nicht unbedingt für alle Zeiten zerstört bleiben.

Wie Kinder mit Trauer umgehen

Nun ein paar Worte darüber, wie Kinder mit Trauer umgehen. Weil sehr viele von uns unfähig sind, den Tod zu akzeptieren – insbesondere in der frühen Phase der Trauer – nehmen wir an, daß unsere Kinder auch nicht damit umgehen können. Wir versuchen deshalb, sie vor dem Schrecklichen zu bewahren und sie von der Trauer und den Ritualen, die zum Tode gehören, fernzuhalten. Verängstigt, verwirrt und alleine gelassen, erhalten sie gerade dann keine Antwort, wenn sie Hilfe und die Gewißheit, daß sie geliebt werden, am meisten brauchen. Unabhängig von ihrer Fähigkeit, ihre Gefühle auch auszudrücken, erleben Kinder Trauer oft sehr tief.

Wie schon gesagt, ist Trauer eine außerordentlich individuelle Angelegenheit. Das gilt auch für Kinder, die ihre Trauer u.a. folgendermaßen ausdrücken.

Schock

Der Gedanke an den Tod ist so überwältigend, daß Dein Kind sich verhält, als sei überhaupt nichts geschehen.

Körperliche Erscheinungen

Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen können durch die eigene Todesfurcht Deines Kindes erzeugt werden.

Zorn

Dein Kind ist vielleicht zornig auf den Menschen, der gestorben ist, weil er es „ganz alleine“ gelassen hat; oder es ist zornig auf Gott, weil er den Menschen nicht wieder  gesund gemacht hat.

Schuldgefühle

Dein Kind macht sich Vorwürfe, weil es seinem verstorbenen Geschwisterkind etwas Böses gewünscht hat oder weil es sich sonst irgendwie nicht „gut“ verhalten hat.

Angst und Furcht

Dein Kind fürchtet vielleicht, daß es selbst oder ein anderer Mensch, den es sehr gern hat, sterben könnte.

Entwicklungs –Rückschritte

Verhaltensauffälligkeiten wie Bettnässen oder Daumenlutschen können wieder auftreten.

Traurigkeit

Dein Kind wird vielleicht sehr ruhig und viel weniger aktiv als sonst sein.

Wieder müssen wir daran erinnern, daß dies alles ganz normale Reaktionen sind und in der Regel mit der Zeit vorübergehen.

Möglichkeiten, Deinem Kind zu helfen

Ermutige Deine Kinder, Fragen zu stellen und sei bereit, ihnen ehrliche und verständliche Antworten zu geben. Wenn Fragen wieder und wieder gestellt werden, zeigt dies, daß damit eigentlich mehr gefragt werden soll als die Frage offen ausdrückt. –Sprich auf einem sprachlichen Niveau, das Dein Kind verstehen kann. Bemühe Dich, hinzuhören und versuche, zu verstehen was Dein Kind fragt – und auch, was es nicht fragt. Deine Kinder sollten das Gefühl haben, daß sie all ihre Gedanken und Fragen ausdrücken dürfen. Sei geduldig und zeige ihnen unbeirrt Deine Liebe.

Teile Deine eigenen Gefühle mit Deinen Kindern und ermutige sie, ihre eigenen Gefühle offen zu zeigen. Denke daran, daß Du ihr Vorbild dafür bist, wie man Trauer ausdrückt. In einer Zeit des Verlustes ist es außerordentlich hilfreich, liebevoll und fürsorglich zu sein und seine Gefühle der Liebe und Zuneigung auszudrücken.

Erkläre die Todesursache in einer Sprache, die Deine Kinder verstehen können und versichere ihnen, daß ihre Gedanken und Gefühle in keinster Weise verantwortlich für den Tod sind.

Erkläre ihnen das Begräbnisritual und überlasse ihnen die Entscheidung darüber, in welcher Weise sie daran teilnehmen wollen. Bestehe nicht darauf, daß sie irgend etwas tun, was sie nicht mögen.

Sei verständnisvoll, wenn Deine Kinder Rückschritte in ihrer Entwicklung zeigen und bedenke, daß dies wieder vorübergeht.

Einige Antworten, die nicht helfen

Wenn ein geliebter Mensch stirbt meinen wir oft, unsere Kinder dadurch zu schützen, daß wir ihnen ausweichende Antworten auf ihre Fragen geben. Diese Antworten verwirren unsere Kinder aber oft und vermehren ihre Angst und ihre Unsicherheit. Bedenke, daß Kinder dazu neigen, Dinge wörtlich zu nehmen. Wenn wir unseren Kindern sagen, daß jemand auf eine lange Reise gegangen ist, erwarten sie, daß er zurückkommt und fühlen sich vielleicht schuldig, daß sie den Menschen davongetrieben haben.

Wenn wir unseren Kindern sagen, daß jemand nur friedlich schläft, werden sie anfangen, den Schlaf zu fürchten.

Unsere Kinder werden Erklärungen wie: „Es war Gottes Wille“ nicht verstehen, weil sie lieber den Menschen behalten hätten. Wenn wir ihnen sagen: „Michael war so gut, daß Gott ihn zu sich genommen hat“, dann werden unsere Kinder vielleicht beschließen, böse zu werden, damit es ihnen nicht ebenso geht.

Wenn Du mit Kindern über den Tod sprichst, denke daran, daß Ehrlichkeit, Anteilnahme vor allem aber Liebe die wichtigsten Dinge sind, die ihnen durch diese Zeit hindurchhelfen.

 

Was Kinder brauchen, um rechtzeitig mit dem Tode Leben zu lernen

Kinder müssen Gelegenheit bekommen, zu lernen, wie man trauert

Unterstütze Deine Kinder bei der Rückerinnerung. Erlaube ihnen, daß sie sich von den Gefühlen, die diese Erinnerungen bei ihnen auslösen, berühren lassen. Gib ihnen die Möglichkeit, sich mit tatsächlichen oder vermeintlichen Schuldgefühlen herumzuschlagen. – Laß sie verstehen, was Trauer auch bedeutet: Nämlich, daß Gefühle, die einem verstorbenen Tier oder Menschen gegenüber empfunden werden, sich allmählich auflösen und neuen Beziehungen weichen.

Kinder müssen die Möglichkeit bekommen, über die kleineren Verluste in ihrem Leben zu trauen

Ermögliche ihnen z.B. über den Verlust eines Tieres zu trauern. Dann werden sie eines Tages auch besser in der Lage sein, mit dem größeren, sie stärker berührenden Verlust eines Menschen umzugehen.

Kinder müssen über Todesfälle in ihre Umgebung informiert werden

Wenn Du sie nicht über einen Todesfall informierst, nehmen sie nur die Aufregung der Erwachsenen wahr. Sie suchen dann nach Erklärungen für dieses unverständliche Verhalten und geben sich womöglich selbst die Schuld daran.

Kinder müssen lernen, die Endgültigkeit des Todes zu begreifen

Benutze keine mißverständlichen Umschreibungen des Todes, wie: „Sie ist von uns gegangen“ oder „Er ist eingeschlafen“. Weil Kinder noch Schwierigkeiten mit dem abstrakten Denken haben, könnten sie solche Aussagen leicht wörtlich nehmen. – Wenn Du an ein Leben nach dem Tode glaubst und dies Deinen Kindern vermitteln möchtest, ist es dennoch wichtig zu betonen, daß sie den verstorbenen Menschen oder das verstorbene Tier auf Erden nicht wiedersehen werden.

Kinder müssen die Möglichkeiten bekommen, sich von Verstorbenen zu verabschieden

Erlaube ihnen, einen Toten noch einmal zu sehen und/oder an der Beerdigung teilzunehmen (wenn auch vielleicht nur für wenige Minuten). Kein Kind ist für die Teilnahme an solchen Ritualen zu jung!

Kinder müssen genügend Gelegenheit bekommen, ihre Gefühle über einen Verlust durchzuarbeiten

Hilf ihnen dabei, ihre Eindrücke und Gefühle angesichts des Todes zu verarbeiten: Ermutige sie, hierüber zu sprechen, es im Spiel auszudrücken, Bücher darüber zu lesen oder auch künstlerische Ausdrucksformen zu wählen (z.B. zu malen, Gedichte zu schreiben u.ä.)

Kinder benötigen die Sicherheit, daß Erwachsene gut genug auf sich selbst achten, um für sie lange genug am Leben zu bleiben

Gib ihnen die Sicherheit daß die Erwachsenen voraussichtlich nicht sterben werden, bevor ihre Kinder selbst erwachsen sind. Laß sie aber auch wissen, daß jeder Mensch eines Tages stirbt.

Kinder müssen wissen, daß bisweilen auch schon Kinder sterben

Laß sie aber wissen, daß Kinder nur dann sterben, wenn sie ganz schwer erkrankt sind oder einen schlimmen Unfall erlitten haben. Laß sie wissen, daß die weitaus meisten heranwachsen und bis ins hohe Alter leben.

Kinder müssen ermuntert werden, ihre Gefühle zu zeigen

Zensiere ihre Gefühle nicht! Erlaube ihnen, zu weinen, wütend zu sein oder auch zu lachen. Zeige Anteilnahme für ihre Gefühle; sage z.B.: „Ich sehe, Du bist traurig. Du vermisst Großmutter. Möchtest Du mit mir darüber sprechen?“

 Kinder brauchen das sichere Gefühl, daß ihre Fragen ehrlich beantwortet werden

Gib ihnen die Gewißheit, daß Du ihren Fragen nicht ausweichst und daß du ihnen verständliche Antworten geben wirst. Laß den Anstoß zu solchen Fragen vom Kind ausgehen und beantworte nur solche Fragen, die das Kind auch wirklich gestellt hat.

Seitenanfang

[Willkommen] [Über uns] [Die letzten Monate] [Der Unfall] [Presse] [Die Zeit danach] [Jahre später] [Erinnerung] [Hilfe&Rat] [Tips] [Geschwisterkinder] [Mit Trauer leben] [Gedichte und Texte] [Für Angehörige] [Literaturtips] [Links] [Weitere Links] [Kontakt] [Gästebuch] [Fotos] [Impressum] [Hoffnung]