Letzte Aktualisierung: 04.09.2017

Tips

Andere trauern anders

Obgleich Trauer von vielen Menschen ähnlich erlebt wird, gibt es auch wieder Unterschiedlichkeiten, die uns oft irritieren, besonders bei nahen Familienangehörigen oder engen Freunden.

“Ich verstehe das gar nicht, mein Mann scheint um unser verstorbenes Kind gar nicht richtig zu trauern.”  Solche und ähnliche Erfahrungen machen viele Menschen.

Dieses Erleben verstärkt häufig noch das Gefühl des Alleinseins, und dabei würden wir gerade jetzt so nötig Nähe und Verbundenheit brauchen.

Wir erleben: andere trauern anders!

Anders in Bezug auf:

  • Die Gefühle zulassen und zeigen
  • Nähe brauchen und zulassen
  • Über den Verstorbenen sprechen zu wollen
  • In Bezug auf die Zeit, die Dauer und auch die Tiefe der Gefühle.

Wenn es uns möglich wird, zu verstehen, dass die Andersartigkeit der Trauer kein Mangel an Liebe oder Tiefe bedeutet, dass sich in ihr nicht Härte, Desinteresse oder Kälte ausdrückt, so schafft die Unterschiedlichkeit weniger trennende Distanz.

Die Unterschiedlichkeit der Trauer bedeutet, dass andere Menschen eine andere Art haben, mit ihren Gefühlen umzugehen.

Je mehr wir es lernen, das anzunehmen, wird es uns möglich, den anderen trotz der Unterschiedlichkeit nahe zu sein. Auch wenn Menschen nach außen hin gar keine Trauer zeigen, heißt das nicht, dass sie nicht auf ihre Art trauern.


Die Beziehungen zu den anderen

Unsicherheiten und Verletzungen können vermindert werden, wenn es uns möglich wird, nach außen kleine Signale oder Informationen darüber zu geben, was gegenwärtig gut und notwendig ist.

Das ist nicht immer leicht, weil wir Angst haben, jemanden zurückzuweisen und zu verletzen. Meistens können sie jedoch davon ausgehen, daß man ihre Wünsche und Bedürfnisse gerne respektiert, um Ihnen damit in ihrer schwierigen Zeit zu helfen. Behutsame Offenheit mag schwierig sein, aber sie hilft uns im Umgang mit unseren Mitmenschen.

Diese Unsicherheit empfindet nicht nur der Trauernde selbst, sondern auch die Menschen in seiner Umgebung.

In der Zeit der Trauer bemerken wir oft mit Erstaunen, daß die Beziehungen und Gefühle zu den uns bekannten Menschen sich stark verändern.

Diese Veränderungen in unseren Gefühlen, in unseren Bedürfnissen nach Nähe oder Distanz machen uns manchmal zusätzlich unsicher. Einerseits brauchen wir die anderen doch so sehr und gleichzeitig schwanken wir in unseren Gefühlen zu dem anderen. Durch das eigene erschütternde Erleben und die größere Empfindsamkeit werden nun vielleicht ganz andere Menschen für uns wichtig, die früher entweder nur am Rande standen oder uns sogar erst jetzt begegnen – andere wiederum werden unbedeutender, vielleicht ist es sogar schwer für uns, mit ihnen zusammen zu sein.

In der Zeit der Trauer sind wir häufig selber so verändert, daß sich damit auch unsere Bedürfnisse nach Nähe oder Distanz ändern.


Die Zeit

Da ist noch das Problem mit der Zeit:

▪ Ich trauere nun schon ein Jahr um meine Mutter. Ist das noch normal?

▪ Seit dem Tod meiner Tochter ist die Zeit stehengeblieben.

▪ Ich denke immer, die Trauer hat jetzt aufgehört, und dann scheint es wieder von vorne anzufangen.

All diese Zeitempfindungen haben ihre Richtigkeit. Wir können uns selber helfen, indem wir uns

ZEIT LASSEN.

Wichtig ist, daß wir uns in all unseren Gefühlen annehmen und uns den Weg nicht durch unsere eigene Ablehnung noch schwerer machen. Alle Empfindungen dürfen sein.

Da, wo wir uns gestatten,

ZEIT ZU HABEN,

können wir fast immer erleben, daß sich die Dinge langsam wandeln.


Du bist gegangen - was bleibt mir?

Irgendwann wird es uns möglich, innerlich zu dem Verstorbenen zu sagen: „Du bist tot. Ich lebe noch ein bisschen. Dann sterbe ich auch.“ Dieser Satz von Bert Hellinger hat sich für viele als heilend erwiesen.

Uns kann es dann möglich werden, das Leben wieder als ein Geschenk anzunehmen. Was uns bleibt, sind unsere Erinnerungen und unsere Verbundenheit mit dem Toten. Dadurch, daß der andere in unserem Leben war, hat er uns viel gegeben, vieles ist uns durch ihn möglich geworden und zur Entfaltung gekommen. Dieses bleibt uns, und wir können das von ihm Begonnene noch weiterwachsen lassen.

Manchmal erleben wir auch in uns, daß nun, nachdem der andere Mensch nicht mehr lebt, andere und auch neue Teile unseres Wesens hervorkommen können. Das ist oft schmerzhaft zu erkennen, aber diese Erkenntnis kann uns Mut zu Neuem geben.

Was uns bleibt, über alle Trauer und Verzweiflung hinweg, ist das Gefühl der Dankbarkeit dafür, daß der andere bei uns war und einen Teil des Lebensweges mit uns zusammen gegangen ist, oder daß wir ihn kennenlernen durften. Das Sich-wieder-Einlassen auf das Leben braucht Zeit, viel Zeit. Lassen sie sich Zeit für Ihren Weg. Auch wenn sie das Gefühl haben, nie in der geschilderten Form getrauert zu haben, dann ist auch das jetzt für Sie richtig und in Ordnung: Sie gehen Ihren Weg auf ihre Weise und zu ihrer Zeit.


Eine andere Art des Sprechens

Vielen Menschen wird es ganz besonders in der Zeit der Trauer wichtig, sich dem Glauben zuzuwenden. In dieser Zuwendung fanden sie vielleicht schon früher Trost und Hilfe und nun wird ihnen diese Verbindung ganz besonders wichtig. Anderen Menschen geschieht es, dass sie in dieser Zeit ihr sonst verlässliches Vertrauen zu Gott verlieren. Häufig erleben wir, dass Menschen dann wütend auf Gott sind, ihn als ungerecht und grausam erleben und mit ihm zürnen. Andere wiederum fühlen sich bestraft. Sie erleben sich schuldig oder unwürdig und meinen, dass sie es nicht wert gewesen seien, dass der geliebte Mensch weiterhin bei ihnen bleiben durfte. All diese Gefühle und Gedanken machen es dann schwer, mit Gott zu sprechen, sich ihm anzuvertrauen und vielleicht auch für den Verstorbenen zu beten. Es kann sein, dass Ihnen das Sprechen zu Gott wieder leichter wird, wenn Sie sich mit all dem, was Sie an Groll und Widerstand in sich spüren, dem Göttlichen zuwenden, es aussprechen und über dieses „Gespräch“ wieder in Kontakt mit IHM kommen.


In meiner Trauer bin ich doch nur eine Zumutung für andere

Diese oder ähnliche Gefühle haben viele Menschen in der Zeit der Trauer. Wir haben dann das Gefühl, so anders zu sein, so schwer, so belastend, und wir glauben gar nicht, etwas geben zu können. All diese Gefühle und Ängste bringen uns dann dazu, uns eher zurückzuziehen. Gerade dann, wenn wir uns einsam, traurig oder verzweifelt empfinden, fällt es uns schwer, auf andere zuzugehen.

Einige Gedanken die uns helfen können:

  • Es ist hilfreich für sich zu klären, wen sie um was bitten können.
  • Mit einer vorsichtigen Anfrage machen sie nichts falsch.
  • Je größer das Netz ihrer Beziehungen ist, um so mehr können sie wählen, welche Person für welche Bedürfnisse geeignet ist.
  • Es ist nicht günstig und nicht möglich, von einer Person alle Zuwendung zu erwarten.
  • In der Zeit der Trauer sind wir häufig sehr empfindlich und reagieren sehr schnell auf die kleinsten Anzeichen anderer, die eine Ablehnung bedeuten könnte. Sprechen sie Ihre Unsicherheiten und Zweifel dem anderen gegenüber aus.
  • Versuchen sie eine eventuelle Abgrenzung des anderen als die ihm derzeit mögliche Reaktion zu sehen. In der Regel lehnt er nicht sie damit ab, sondern fühlt sich überfordert.

Wenn wir es wagen, uns auch einmal zuzumuten, kann der andere erfahren, daß er sinnvoll, hilfreich und wichtig für uns ist.


Körperliche und seelische Reaktionen

Und dann sind da auch noch körperliche Veränderungen, veränderte Verhaltensweisen und seelische Reaktionen:

Müdigkeit – Leeregefühl im Magen – Brustbeklemmungen – Herzrasen – Schlafstörungen – Zugeschnürtsein in der Kehle – Kurzatmigkeit – Appetitmangel – Leeres Funktionieren – Konzentrationsstörungen – Wahnvorstellungen – Verwirrung – Überempfindlichkeit – Desinteresse – Kontaktverweigerung – Verändertes Zeitgefühl – unverständliche Träume – Suchen und Rufen – Lautes Sprechen mit dem Verstorbenen – Überaktivität – Entscheidungsschwierigkeiten – Muskelschwäche.

Alle diese Gefühle -  Gedanken  -  Erlebnisse  -  sind normal.

Sie kommen und gehen.

Und eines Tages werden sie weniger intensiv und bedrohlich.


Mit dem Verstorbenen Leben

Das Bedürfnis, mit dem Verstorbenen innerlich verbunden weiterzuleben, ist groß. Viele suchen Orte auf, wo sie mit dem anderen gemeinsame Erlebnisse hatten, stellen sich vor, was er oder sie jetzt fühlen, denken oder sagen würde, oder erzählen dem anderen in dieser inneren Verbundenheit von gegenwärtig erlebten Ereignissen und Gefühlen. Dieses Miteinander-Verbunden-Weiterleben ist in Ordnung und hilft uns, weiterzuleben und mit unserer Trauer umzugehen.

Einige Anregungen, was uns in dieser Sehnsucht nach Verbundenheit helfen kann:

  • mit dem Verstorbenen innerlich zu sprechen
  • ihn um Verzeihung zu bitten oder ihm zu danken
  • ihn um Hilfe bitten
  • seine Hinterlassenschaft liebevoll zu sichten und zu ordnen
  • Fotos anschauen
  • Fotos oder Blumen für sie oder ihn aufzustellen, Kerzen anzuzünden
  • alte Wege ablaufen
  • Freunde des Verstorbenen besuchen und sich von ihm erzählen lassen
  • vielleicht manches genauso wie der Verstorbene zu machen
  • und vieles mehr, das aus ihrer persönlichen Verbundenheit zu dem Verstorbenen entsteht

All dieses bringt manchmal auch schmerzhafte Gefühle mit sich.

Deshalb ist es wichtig, in sich hineinzuhorchen und zu spüren, wann etwas gut ist und wann ich etwas lieber ruhen lassen möchte.


... und immer wieder kommt die Trauer

Viele sagen: „Wann hört denn das endlich auf?“

Die Trauer hört in dem Sinne nicht auf, sie wird langsam ein Teil unseres Lebens, sie verändert sich, und wir ändern uns mit ihr. Die Fest- und Feiertage sind besonders schmerzlich. Da spüren wir den Verlust dann wieder mit einer Heftigkeit, die uns erschüttert. Viele Menschen berichten, dass das 1. Trauerjahr mit all seinen „Jahrestagen“ wirklich das schwierigste Jahr war, denn mit jedem dieser Tage kam eine große Anzahl von Erinnerungen, schönen und schmerzhaften. Das sind zum einen die großen Festtage, wie Weihnachten, Ostern und Geburtstage... Und dann sind es die Tage oder Wochen, die sich mit besonderen Erinnerungen verbunden haben, wie die Ferien, heute vor 20 Jahren haben wir uns kennengelernt, am 2. März bist du ins Krankenhaus gekommen, der Todestag, der Tag der Beerdigung...

Manchmal ist es gut, solche Gedenktage auch besonders zu gestalten, z.B. etwas alleine zu machen und an den Verstorbenen zu denken, oder Freunde oder nahestehende Menschen zu bitten, an diesem Tag zu ihnen zu kommen. Oft wird dann der Austausch und das Aufleben der Erinnerungen zu einer tiefen Begegnung und Bereicherung für alle.


Vom Schweigen und Sprechen

Immer wieder erzählen Menschen, dass ihnen das Sprechen eine wesentliche Hilfe war. Ihnen war es wichtig, ihre Gefühle und Gedanken über den Verstorbenen und den Tod auszudrücken. Manchmal müssen wir auch von besonderen Erlebnissen oder Momenten immer und immer wieder sprechen. Wir können dann erfahren, dass mit jedem Aussprechen die Last der Sorgen, der Ängste, der Trauer oder der Wut, der Einsamkeit oder Ohnmacht sich etwas verringert oder uns doch wenigstens für eine Weile erleichtert.

Gut ist es zu wissen, wem ich mich und wieweit mitteilen möchte. Hin und wieder erleben wir auch dass uns jemand nicht wirklich anteilnehmend zugehört hat oder dass er uns allzuschnell mit einem ´guten Rat´ trösten wollte. Das ist schmerzhaft, aber auch früher sind wir ja auch nicht immer verstanden worden.

Stellen Sie fest, dass es keine geeigneten Menschen in ihrer Umgebung gibt, denen sie sich mitteilen möchten, dann kann es Ihnen vielleicht helfen, sich in einer Trauergruppe in ihrer Umgebung oder Gemeinde anzuschließen. Vielleicht können Sie auch anregen, eine solche zu gründen. Diese Gruppen können deshalb besonders hilfreich und unterstützend sein, weil durch die Verbundenheit des ähnlichen Erlebens eine größere Bereitschaft entsteht, einander geduldig zuzuhören, zu verstehen und die Sorgen und Nöte miteinander zu teilen.

Es gibt Menschen, die nicht das Bedürfnis haben, sich über das, was sie bewegt, über den Toten, den Tod und die Vielfalt der Erfahrungen auszutauschen. Sie möchten mit all dem lieber in der Stille auf ihre Weise umgehen.

Wir sind in unserer Art, mit dem Verlust umzugehen, sehr unterschiedlich, geprägt durch unsere Lebensgeschichte. Jeder sucht sich den ihm gemäßen Weg.


Was da noch alles kommen mag – die Angst vor der Zukunft

Die Zukunft wird oft als bedrohlich und unannehmbar erlebt, denn häufig ist ja der Mensch von uns gegangen, der uns die Zukunft lebenswert machte. Da tauchen Fragen und Gedanken auf: Wie schaffe ich das ohne ihn? Was soll nur aus mir werden? Ich habe Sorgen wegen der Kinder und auch wegen des Geldes! Solche und viele andere Fragen treten manchmal in bedrängender Fülle auf. Dazu kommt das Gefühl, ich will ja gar keine Zukunft. Folgendes hat anderen Menschen in diesen Fragen geholfen:

    • Immer wieder mit Menschen über meine Ängste zu sprechen.
    • Die Trauer und der Schmerz verändern sich tatsächlich, aber es braucht viel viel länger, als ich je dachte.
    • Hilfe von außen zu erbitten.
    • Mir sind Kräfte zugewachsen, die ich nie für möglich hielt.
    • Ich habe versucht, nur von einem Tag zum nächsten zu leben.
    • Es ist dann doch immer alles ganz anders geworden.
    • Es kann auch mal etwas schief gehen. Ich darf Fehler machen.
    • Eines nach dem andern.
    • In mir bleibt der Verstorbene nahe und hilft mir.

Es ist gut, sich die Zukunft nicht als große, bedrückende Last auszumalen, sondern ihr Tag zu Tag entgegenzuleben.


Weitere Hilfen

Was kann Ihnen in dieser Zeit noch helfen?

Vielleicht:

  • Seien Sie gut zu sich selbst, und nehmen Sie Rücksicht auf Ihre Grenzen. Achten Sie darauf, wo Sie gebraucht werden, aber übernehmen Sie sich nicht.
  • Vermeiden Sie das Grübeln über Schuldgefühle.
  • Gönnen Sie sich genug Ruhepausen !
  • Sorgen Sie für Ihren Körper. Zum einen durch richtige Ernährung, auch wenn dies jetzt unwichtig erscheint und Sie keinen Hunger haben, zum anderen durch Bewegung, z.B. einen Spaziergang, langsames Laufen, ein Bad.... oder durch Entspannung. Dies kann Ihnen helfen, wieder etwas mehr Ruhe in sich zu finden.
  • Führen Sie ein Tagebuch, in das Sie all Ihre Gefühle und Gedanken hineinschreiben.
  • Suchen Sie nach Ausdrucksmöglichkeiten, die vielleicht neu für Sie sind: Musik, Malen....
  • Belassen Sie die Wohnung zunächst so. Irgendwann kommt dann von innen ein Impuls – vielleicht nach einem halben Jahr, nach einem oder zwei Jahren.
  • Stellen Sie Fotos auf.
  • Bitten Sie andere um konkrete Hilfe und nehmen Sie Hilfe an.
  • Rufen Sie, wenn Sie ganz verzweifelt sind, Freunde oder Telefonseelsorge (evang.: 11101 / kath.: 11102) an.
  • Machen Sie manches vielleicht genauso wie der Verstorbene Mensch.
  • Gehen Sie in die Natur.
  • Suchen Sie die Stille.
  • Manchmal ist es gut, sich abzulenken.
  • Suchen Sie Gespräche mit anderen, die ähnliches erlebt haben.
  • Seien Sie mit Menschen zusammen, die Sie verstehen und annehmen
  • Versuchen Sie auf einen geregelten Tagesrhythmus zu achten.

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